Mit asiatischen Sprachen
Märkte öffnen
Interview mit Dr. Heinrich
Reinfried
Aus: SCHWEIZER ARBEITGEBER,
28.1.1999
Die Globalisierung zwingt
immer mehr Firmen, direkt
auf den asiatischen Märkten
präsent zu sein. Je
enger die wirtschaftlichen
Kontakte zwischen Asien
und der Schweiz werden,
desto mehr Leute müssen
nach Überzeugung des
Asienexperten Dr. Heinrich
Reinfried asiatische Sprachen
lernen. Wie lange können
wir es uns noch leisten,
Japanisch und Chinesisch
nicht zu lernen?
«SCHWEIZER
ARBEITGEBER«:
Herr Dr. Reinfried: Welcher
Zielgruppe empfehlen Sie
das Erlernen asiatischer
Sprachen?
Dr. Heinrich Reinfried:
Erstens Geschäftsleuten,
die regelmässig nach
Asien reisen und dort mit
asiatischen Partnern Kontakte
pflegen oder zusammenarbeiten.
Lernbemühungen werden
bereits in einem frühen
Stadium als Zeichen für
ihr Interesse an einem längerfristigen
Engagement in Asien verstanden
und positiv aufgenommen.
Zweitens Personen, die in
den nächsten Monaten
in einen Zweigbetrieb oder
in ein Joint-venture in
Asien versetzt werden. Drittens
benötigen auch jene
Personen asiatische Sprachkenntnisse,
die schriftliche Informationen
aus Asien – z.B. Fachliteratur
oder Internet – selbständig
verarbeiten müssen.
Hat
sich die Kenntnis asiatischer
Sprachen durch die Mitarbeiter
positiv auf die Geschäftsmöglichkeiten
der beteiligten Firmen ausgewirkt?
Viele der Leute, die
ich an Hochschulen oder
bei ASIA INTENSIV ausgebildet
habe, sind heute in verantwortungsvollen
Positionen in Asien tätig,
wo sie ihre Sprachkenntnisse
im Geschäftsleben und
Alltag anwenden und sie
weiter ausbauen. Ihren Rückmeldungen
entnehme ich, dass sie dadurch
Distanz zu ihrer asiatischen
Umgehung abbauen. Ohne Sprachkenntnisse
fühlt man sich in Asien
«unter Asiaten«
– mit Sprachkenntnissen
«unter Menschen «.
Dies kann sich, vor allem
auch im Kundenkontakt, nur
positiv auswirken. In der
Beantwortung dieser Frage
gilt es jedoch auch an die
Zukunft zu denken. Heute
können wir uns kaum
mehr vorstellen, dass die
Swissair anlässlich
des ersten Fluges nach New
York Schwierigkeiten hatte,
genügend Besatzungsmitglieder
mit Englischkenntnissen
zu finden. 50 Jahre später
sind gute Englischkenntnisse
für uns selbstverständlich.
In den Mittelschulen der
USA, Englands, Deutschlands
und Frankreichs lernt man
jedoch bereits Japanisch
und Chinesisch. Mitarbeiter
unserer Firmen werden in
Zukunft vermehrt gegen Konkurrenzfirmen
antreten müssen, deren
Personal über einen
Wissensvorsprung verfügt.
Die Frage muss also vielmehr
lauten, wie lange wir es
uns noch leisten können,
Japanisch und Chinesisch
nicht zu lernen...
Gibt
es Branchen, in denen besonderer
Wert auf lokale Sprachkenntnisse
der Mitarbeiter gelegt wird?
Unsere Kundenliste zeigt
ein breites Spektrum an
Firmen – nebst vielen
privaten Schülern kommen
Mitarbeiter aus Unternehmen
der Maschinenindustrie,
Chemie, Elektronik, Banken
und Versicherungen zu uns.
Allen gemeinsam ist ein
Tätigkeitsfeld in Asien
sowie das Bewusstsein, dass
fehlende Kenntnisse der
lokalen Sprache für
eine Tätigkeit in Asien
ein Ausbildungsdefizit darstellen.
Sie sind deshalb entsprechend
stark motiviert und lernen
relativ rasch.
Ostasiatische
Sprachen gelten, besonders
wegen der Symbolschrift
und der Vielfalt wichtiger
Nuancen, als schwierig.
Lässt sich mit einem
vernünftigen Lernaufwand
ein brauchbares Niveau erreichen?
Japanisch oder Chinesisch
sind für Europäer
oftmals die ersten Sprachen,
die wirklich völlig
fremd sind. Es gilt, beim
Lernen eine grosse Menge
an Informationen aufzunehmen
und sie zu verarbeiten,
ohne sie ständig als
Zumutung zu erleben. In
diesem Sinne sind eine starke
Motivation, eine langfristige
Orientierung und grosse
Frustrationstoleranz nebst
genügend Zeit zum Lernen
wichtige Voraussetzungen
für den Lernerfolg,
Auf der Seite der Schule
ist die Fähigkeit,
durch geschickt eingesetzte
Methodik und Didaktik Wesentliches
in kurzer Zeit zu vermitteln,
gefragt. Dabei werden auch
audiovisuelle Mittel eingesetzt.
Sprechen
wir über die Bedeutung
der asiatischen Märkte.
Wird die Asienkrise die
Geltung des Kontinents auf
dem Weltmarkt beeinträchtigen?
Für mich ist die
Beschäftigung mit Asien
ein Langzeitprojekt: Ich
begann mit dem Studium der
japanischen Sprache, als
in Zürichs Strassen
noch kein einziges japanisches
Auto fuhr. Asien besteht
weiter, auch unabhängig
von der Asienkrise. Je besser
es Asien geht, desto besser
geht es uns. Es liegt in
unserem Interesse, uns für
langfristige gute Beziehungen
zu engagieren. Indem wir
die asiatischen Sprachen
erlernen, geben wir dieser
Überzeugung Ausdruck.
Haben
Sie einen Rückgang
der Nachfrage nach Sprachkursen
festgestellt?
Die Nachfrage nach unseren
Dienstleistungen steigt
seit der Gründung 1995
stetig an. Zwei Drittel
der Nachfrage gilt der Ausbildung
in Japanisch auf Anfänger-
oder Fortgeschrittenenstufe.
Ein Drittel gilt der chinesischen
Sprache, vor allem auf der
Anfängerstufe. Ausbildungen
in Koreanisch und Vietnamesisch
wurden bisher nur vereinzelt
gewünscht.
Japan
wird oft als Referenzmarkt
für Asien genannt.
Ist dem so, oder wird China
wegen seines enormen Marktpotentials
in Zukunft die Schlüsselrolle
spielen?
Erfolg auf dem japanischen
Markt gilt in ganz Asien
als Leistungsausweis. Die
Frage «Japanisch oder
Chinesisch« wird von
jeder Firma, je nach Schwerpunkt
ihrer Tätigkeit, unterschiedlich
beantwortet werden. Übrigens
kenne ich eine Reihe von
jungen Schweizern, die sich
bereits in beiden Sprachen
verständigen können.
Wir werden mit Vorteil die
Entwicklung beider Nationen
im Auge behalten und uns
den Zugang zu Informationen
durch gute Kenntnisse ihrer
Sprachen sichern.
Gern
wird von der Annahme ausgegangen,
dass es allein auf das Beherrschen
der internationalen Geschäftssprache
Englisch ankomme. Trifft
dies für Asien zu,
oder ist dort die Kenntnis
der jeweiligen Landessprache
unerlässlich für
den Markterfolg?
Das Ammenmärchen,
wonach alle Asiaten gut
Englisch sprechen könnten,
hält sich bei uns hartnäckig,
erfährt jedoch spätestens
nach der ersten Asien-Reise
eine Korrektur. Die Liberalisierung
der Weltwirtschaft zwingt
heute auch KMU, den Zwischenhandel
auszuschalten und möglichst
direkt an ihre asiatischen
Kunden zu gelangen oder
gar selbst in Asien zu produzieren,
anstatt wie vorher Lizenzen
zu vergeben. Bei Werbeaktionen
für holländischen
Käse sieht man nun
plötzlich japanischsprechende
Holländer an der Verkaufsfront.
Überall dort, wo Asiaten
und Europäer zusammenarbeiten,
wird Sprache wichtig. Vergessen
wir dabei auch nicht, dass
auch in Asien das politische
Umfeld gepflegt sein will:
Am japanischen Fernsehen
vertreten europäische
Journalisten und amerikanische
Finanzfachleute in perfektem
Japanisch ihren Standpunkt.
Was
müssen westliche Firmen
besonders beachten, um auf
asiatischen Märkten
Fuss fassen zu können?
Wichtig ist erstens der
Entschluss, sich langfristig
zu engagieren. Zweitens
ist eine gründliche
Vorbereitung notwendig.
Dazu gehört auch die
Schulung der Mitarbeiter,
die regelmässig nach
Asien reisen. Überall
dort, wo durch den Wandel
der wirtschaftlichen Strukturen
der Zwischenhandel ausgeschaltet
wird und europäische
Firmen den Markt direkt
bewirtschaften und mit ihren
Kunden direkt in Kontakt
kommen, werden gute Sprachkenntnisse
imperativ.
Sie
haben 1995 ASIA INTENSIV,
die Schule für moderne
asiatische Sprachen in Zürich,
gegründet. Welche Überlegungen
waren dafür ausschlaggebend?
Die zunehmende Globalisierung
der Wirtschaft führt
dazu, dass auch die asiatischen
Sprachen bei uns vermehrt
erlernt werden müssen.
Allein Mandarin Chinesisch
wird von 16% der Weltbevölkerung
gesprochen. Während
früher Japanisch und
Chinesisch in Europa vorwiegend
von Fachleuten im Rahmen
eines akademischen Studiums
erlernt wurden, zeichnet
sich in den angelsächsischen
Ländern seit Jahren
ein Trend zur «Normalisierung«
dieser Sprachen ab. Sie
gelten heute als Fremdsprachen,
die bereits im Gymnasium,
später auch studien-,
berufs- oder ausbildungsbegleitend
erlernt werden können.
Wer
sind die Träger der
Schule?
«ASIA INTENSIV
Schule für moderne
asiatische Sprachen Dr.
Heinrich Reinfried«
ist eine im Handelsregister
eingetragene Einzelfirma.
Als Inhaber trage ich sowohl
die fachliche wie auch die
betriebliche und finanzielle
Verantwortung für die
Schule. Diese Organisationsform
erlaubt es mir, das Ausbildungsangebot
rasch an neue Bedürfnisse
unserer Schüler anzupassen.
Was
für Lehrkräfte
beschäftigen Sie?
Lehrpersonen mit deutscher
oder asiatischer Muttersprache,
die über ein abgeschlossenes
Hochschulstudium sowie über
eine didaktische Zusatzausbildung
(Lehrerausbildung) verfügen,
können bei uns mitarbeiten.
Schulintern erfolgt zudem
eine Weiterbildung in der
Methodik und Didaktik asiatischer
Sprachen für Lernende
deutscher Muttersprache.
Interview:
Dr. Ernst Raths
Quelle:
«SCHWEIZER ARBEITGEBER«,
28.1.1999
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Regelverstösse
vermeiden.
Warum asiatische Sprachen
lernen?
Interview, 21.1.2006
DIE
WELTWOCHE
Asiatische Sprachen -
Englisch stösst an
die Chinesische Mauer
Heinrich Reinfried,
17.1.2002
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